Pilgern - Shikoku Henro 88 2026

Alles ist schon da – meine erste Woche auf Shikoku

Vom Gehen, vom Geben und vom Annehmen

Am 22. Oktober komme ich abends nach einer langen Reise über Korea in Japan an. Eine kurze Nacht in Kobe, ein paar organisatorische Vorbereitungen, und dann geht es endlich los: auf nach Shikoku!

Fast drei Monate liegen vor mir. Ich möchte den Shikoku-Pilgerweg gehen, die 88 Tempel besuchen und möglichst auch die 20 zusätzlichen Bekkaku-Tempel. Ich freue mich auf die Begegnungen, die Kultur, die Landschaft und vor allem auf die buddhistische Praxis, die mich hier erwartet.

Seit 26 Jahren praktiziere ich Zen und bin in der Rinzai-Tradition ordiniert. In Japan werde ich als Obōsan angesprochen. Auch im Englischen nennen mich die Menschen hier „monk“. Deshalb verwende ich in diesem Bericht für mich selbst die Bezeichnung „Mönch“ und den männlichen Artikel.

Ich habe diese Reise lange geplant und fühle mich gut vorbereitet. Doch letztlich weiß ich, dass ich nichts vorhersehen kann. Ich bin neugierig und gespannt, aber vor allem im Jetlag. Alles fühlt sich wattig an und nicht richtig echt. Das gilt auch für meinen Körper und meinen Geist. Ich bin froh und dankbar, dass ich schon zwei längere Reisen zusammen mit meinem Mann Patrick Ho Kai nach Japan gemacht habe. Vieles fühlt sich deshalb schon vertraut an und gibt mir etwas Sicherheit.

Zwei gehen gemeinsam

Der Shikoku-Pilgerweg, Shikoku Henro, führt rund um die viertgrößte Insel Japans und verbindet 88 Tempel, die mit Kūkai (774–835) in Verbindung stehen. Er begründete den japanischen Shingon-Buddhismus und erhielt nach seinem Tod den Ehrentitel Kōbō Daishi. Für mich als Rinzai-Mönch ist das eine noch sehr unbekannte buddhistische Tradition, und gerade deshalb bin ich gespannt darauf, wie sich diese Pilgerreise mit meiner eigenen Praxis verbinden wird.

Dōgyō Ninin – zwei gehen gemeinsam. Diese Worte begegnen mir als Kalligraphie auf der Pilgerausrüstung und an vielen Stellen des Weges. Sie bedeuten, dass Kōbō Daishi jeden Pilger begleitet. Ich bin also nicht allein unterwegs, auch wenn ich die meiste Zeit allein gehe.

Am ersten Tempel, Ryōzenji, kaufe ich meine Pilgerausrüstung: das weiße Pilgergewand (Hakui), einen runden Pilgerhut, wie ihn buddhistische Mönche tragen, den Pilgerstab (Kongōzue), zwei Stempelbücher (Nōkyōchō) (eins für die 88 Tempel und ein weiteres für die zusätzlichen Bekakkus) und die kleinen Namenszettel (Osamefuda), die an den Tempeln niedergelegt werden.


Statt der von Shingon Buddhisten getragenen Wagesa trage ich mein Rakusu. Auf dem Pilgerweg wird jede religiöse Tradition akzeptiert und es ist üblich, dies auch mit der Art des buddhistischen Gewandes zu zeigen und sich damit zu erkennen zu geben. Außerdem bedeutet mein Rakusu für mich als Mönch auch Schutz auf dem Weg und gibt mir das Gefühl von Zugehörigkeit. Ich gehe den Weg nicht nur für mich. Ich gehe auch für meine Sangha und meine Familie.

Und schließlich das wichtigste: der Kongōzue. Er ist mehr als ein Wanderstab. Er steht für Kōbō Daishi selbst, der mich auf meiner Pilgerreise begleitet. Deshalb wird er mit besonderer Achtung behandelt und beispielsweise vor dem Betreten einer Unterkunft gesäubert und in einem dafür vorgesehenen Ständer abgestellt. Manche nennen ihn liebevoll Kukei.

Die Rituale an den Tempeln muss ich noch üben. Nach der Verbeugung am Eingang reinige ich Hände und Mund und schlage anschließend, soweit es erlaubt ist, die große Tempelglocke. Dann gehe ich zur Haupthalle, dem Hondō, und zur Daishi-Halle, dem Daishidō. An beiden Hallen entzünde ich eine Kerze und drei Räucherstäbchen, lege meinen Namenszettel in eine Box und werfe einige Münzen in den Opferkasten.

An beiden Hallen rezitiere ich die eine vorgeschriebene Auswahl an Sutren und Mantras. Dazu gehört jedes Mal das Hannya Shingyō, das Herzsutra. Ich bin sehr froh, dass ich es auswendig kann. Nicht, weil ich damit etwas beweisen möchte, sondern weil mich das Rezitieren ungemein entspannt. Ich brauche keinen Text vor mir, muss nicht nach den Worten suchen und kann mich ganz dem vertrauten Rhythmus überlassen. Gerade an Tagen, an denen ich müde bin oder vieles gleichzeitig auf mich einströmt, ist das eine große Hilfe. Manchmal merke ich, dass sich die Tempelmitarbeiter oder japanische Pilger darüber wundern oder freuen.

Zum Abschluss lasse ich meinen Tempelbesuch im Nōkyōchō bestätigen. Die kunstvollen schwarzen Kalligrafien und roten Stempel sind jedes Mal aufs Neue wunderschön anzusehen. Nach und nach füllen sich die Seiten, und ich kann bereits jetzt erahnen, wie besonders wertvoll dieses Buch am Ende meiner Reise sein wird.


Regen, Treppen und Osettai

Die ersten Tage verlangen mir körperlich einiges ab. Es geht bergauf und bergab, über lange Treppen, schmale Waldwege und Straßen, die sich scheinbar endlos durch die Landschaft ziehen. Dazu kommt der Regen, der mich über mehrere Tage begleitet. Meine Kleidung und meine mitgebrachte Pilgertasche werden vollkommen durchnässt, und abends in den Unterkünften ist es nicht möglich, alles wieder trocken zu bekommen.

Auch mein Pilgerhut scheint für die Strapazen noch nicht bereit zu sein. Die weiße Weste hat inzwischen Farbe von meiner braunen Mönchstasche angenommen, und so stehe ich unterhalb von Tempel 10, Kirihataji, in einem kleinen Pilgerladen, wo sich zwei Frauen meiner Ausrüstung annehmen.

Mit großer Selbstverständlichkeit nehmen sie meinen Hut auseinander, reparieren ihn und setzen ihm einen neuen stabileren Korb ein, der sorgsam mit einem Tuch umwickelt wird. Ich kaufe eine neue weiße Weste und eine einfache, wasserdichte Pilgertasche mit vielen Fächern zur Organisation der Utensilien für die Rituale. Nie hätte ich gedacht, dass ich mich über eine weiße Tasche aus Plastik einmal so freuen werde.

Die wunderbare Arbeit am Hut wollen die Frauen nicht berechnen.

Hier begegne ich wieder dem Osettai, einer besonderen Tradition des Gebens auf Shikoku. Pilger erhalten unterwegs kleine Geschenke, etwas zu essen oder zu trinken, manchmal eine Mitfahrgelegenheit oder praktische Unterstützung. Es geht dabei nicht um eine Gegenleistung. Die Menschen geben, weil sie den Pilger auf seinem Weg unterstützen möchten und auf diese Weise selbst Anteil an der Pilgerreise nehmen.

Mich beeindruckt, wie selbstverständlich das geschieht. Niemand macht viele Worte darum, und oft ist auf geheimnisvolle Art und Weise die Hilfe genau das, was ich in diesem Moment brauche.

Neuer Korb für meinen Pilgerhut

Vor Tempel 10 warten dann noch 333 Steinstufen auf mich. Oben treffe ich japanische Pilgergruppen, mit denen ich gemeinsam rezitiere. So kann ich auch bei den mir unbekannten Sutren und Mantren die Betonungen üben. Schließlich muss ich die 333 Stufen auch wieder hinunter und eine der Mitarbeiterinnen des Pilgergeschäfts, die freundlicherweise meinen Rucksack während des Tempelbesuchs aufbewahrt hat, ruft mir ein Taxi, dass mich im strömenden Regen zur Unterkunft bringen wird. Von Herzen überreiche ich ihr spontan ebenfalls ein Ottesai, bestehend aus einem beschriebenen Osamefuda, ein paar kleine Haribotütchen und einer Postkarte von unserem Kō Getsu An.

Später erreiche ich Tempel 11, Fujidera. Er gehört zur Rinzai-Zen-Tradition und ist deshalb für mich ein besonderer Ort auf diesem überwiegend vom Shingon-Buddhismus geprägten Pilgerweg. Nach den vielen neuen Ritualen und Eindrücken begegnet mir hier etwas Athmospähre aus meiner eigenen buddhistischen Heimat.

Fujidera, Tempel Nr. 11

Der lange Weg nach Shōsanji

Am nächsten Morgen, dem 27. Oktober, breche ich zum zwölften Tempel auf. Shōsanji liegt hoch in den Bergen, und der Weg dorthin gilt als eine der ersten großen Herausforderungen des Shikoku-Pilgerwegs.

Der Weg ist nur 15 Kilometer lang, hat es aber in sich. Insgesamt sind 1.230 Höhenmeter im Aufstieg zu bewältigen. Dabei wechseln sich steile Anstiege immer wieder mit ebenso steilen Abstiegen ab. Kaum ist ein Berg erklommen, geht es wieder hinunter, bevor der nächste Aufstieg beginnt. Gerade die Abstiege verlangen meinem ohnehin empfindlichen Knie einiges ab. Fast neun Stunden bin ich unterwegs.

Screenshot meiner Retter-App Henro Helper

Nach den Regentagen hat der Himmel aufgeklart. Die Sonne scheint, die Luft ist frisch, und die ganze Landschaft wirkt wie reingewaschen. Von den Berghängen öffnet sich ein grandioser Blick über das Tal von Yoshinogawa. In der Ferne erkenne ich sogar die Bergkette wieder, an deren Fuß sich die ersten zehn Tempel wie eine Perlenkette aneinanderreihen. Es ist ein wunderbares Gefühl, von hier oben auf den Weg zurückzuschauen, den ich in den vergangenen Tagen gegangen bin.

Der Pfad führt durch dichte Wälder, vorbei an zwei kleinen Einsiedeleien, alten Steinen und moosbewachsenen Jizō-Figuren. Immer wieder wechseln sich steile, anstrengende Passagen mit stillen Abschnitten zwischen den hohen Bäumen ab.

Mitten im Wald treffe ich überraschend Douglas und Harley wieder, die beiden jungen Australier, mit denen ich bereits im Shukubō, der Tempelunterkunft von Tempel 6, beim Abendessen an einem Tisch gesessen habe. Wir freuen uns über das Wiedersehen und gehen ein Stück gemeinsam. Es ist erstaunlich, wie schnell auf einem Pilgerweg aus flüchtigen Bekanntschaften eine gewisse Vertrautheit entsteht.

An einer der höchsten Stellen des Weges öffnet sich der Wald plötzlich zu einer Steintreppe. Oben steht eine riesige Statue von Kūkai vor einer uralten, knorrigen Zeder, die er der Überlieferung nach selbst gepflanzt haben soll. Nach dem langen Aufstieg scheint dieser Ort Kraft zu spenden. Ich bleibe stehen und nehme mir etwas Zeit aufzutanken.


Als ich am späten Nachmittag endlich Shōsanji erreiche, bin ich nach 9 Stunden Wanderung völlig erschöpft und zugleich glücklich, dass ich es noch rechtzeitig geschafft habe. Das Tempelbüro wird bald schließen, und ich möchte auch meine Rituale nicht in Eile verrichten. Danach liegt allerdings noch der Weg zur Unterkunft vor mir. Ein Taxi lässt sich nicht organisieren, und so gehe ich noch 3 km steil bergab, während es langsam dunkel wird.

Im Sudachian angekommen, erwartet mich mitten in den Bergen von Tokushima eine warme, lebendige Atmosphäre. Mit mir sind vier weitere Gäste aus Japan, USA und Spanien. Einen Gast aus Osaka hatte ich bereits vor Tagen beim Aufstieg zu Bekakku 2 kennen gelernt. Welch ein Zufall. Wunderbare, etwas englisch sprechende Gastgeber, einfache Curry Küche. Es wird gegessen, erzählt und gelacht.


Nach diesem langen Tag bin ich dankbar, einfach dort sein zu können. Ich habe viel erlebt, oder besser gesagt überlebt, und bin sehr sehr müde. Um ehrlich zu sein, ich komme kaum die steile Treppe zu meinem Tatami Zimmer hinauf. Erschöpft sinke ich auf mein zuvor vorbereitetes Futon und lausche dem Bach vor meinem Fenster.

In der Nacht macht sich mein Knie bemerkbar. Es schmerzt und ist geschwollen, und ich schlafe schlecht. Ich hatte schon vor der Reise Probleme damit und wusste, dass ich vorsichtig sein muss. Nun wird mir deutlich, dass ich meine weiteren Pläne überdenken sollte.

Wie geht man einen Pilgerweg?

Ich bin mit ziemlich klaren Vorstellungen nach Shikoku gekommen. Möglichst den ganzen Weg zu Fuß gehen, alle 88 Tempel und zusätzlich die Bekkaku-Tempel besuchen, die Rituale an jedem Tempel vollständig praktizieren. Ich habe mich gründlich vorbereitet, Etappen geplant und überlegt, wie ich die lange Reise gut bewältigen kann.

Jetzt sitze ich mit einem schmerzenden Knie da und frage mich, was davon tatsächlich möglich ist.

Auf Shikoku begegnen mir ganz unterschiedliche Formen des Pilgerns. Viele japanische Pilger fahren mit dem Auto oder Bus von Tempel zu Tempel und widmen sich dort ausführlich den Ritualen. Andere, darunter viele westliche Pilger, legen besonderen Wert darauf, den gesamten Weg zu Fuß zurückzulegen, verzichten aber nicht selten auf die Rituale. Beides hat seine eigene Berechtigung und ich will es nicht bewerten.

Ich bemerke, dass auch ich Vorstellungen davon mitgebracht habe, wie eine richtige Pilgerreise auszusehen hat. Dabei gibt es hier keine Vorschrift, die mich verpflichtet, jeden Kilometer zu Fuß zurückzulegen. Und doch fällt es mir nicht leicht, mich von meinem ursprünglichen Plan zu verabschieden.

Vielleicht gehört auch das zu dieser Reise: wahrzunehmen, wie schnell aus einer guten Absicht eine feste Vorstellung wird, an der ich festhalten möchte.

Am nächsten Morgen bietet mir der Gastgeber des Sudachian an, mich zur etwa acht Kilometer entfernten Bushaltestelle zu fahren. Ich nehme sein Angebot dankbar an. Wieder ist da dieses Osettai, das mir inzwischen so vertraut und doch jedes Mal neu geschenkt wird.

An der Bushaltestelle treffe ich Douglas und Harley wieder. Wir freuen uns über das Wiedersehen und nehmen denselben Bus.


Und dann mache ich einen Fehler.

Ich habe meinen Begleiter stehen lassen

Erst später bemerke ich, dass ich beim Fotografieren meine beiden Stöcke zurückgelassen habe. Nicht nur meinen Trekkingstock, sondern auch meinen Kongōzue, der Kōbō Daishi verkörpert und mich auf meinem Weg begleitet.

Douglas leiht mir seinen eigenen Pilgerstab, damit ich trotz Knieschmerzen weitergehen kann. Zum Glück ergibt sich auch für meine vergessenen Stöcke eine einfache Lösung: Die Menschen vom Sudachian bringen ohnehin das Gepäck anderer Pilger zu meiner nächsten Unterkunft und nehmen meine beiden Stöcke mit. So bekomme ich sie zurück.

Der Gastgeber hat mir zuvor erzählt, dass er das Sudachian von einer Frau übernommen hat, die er als „Lady Monk“ bezeichnet. Sie ist vor einiger Zeit gestorben. Ich weiß nicht viel über sie, aber seine Erzählung ist mir in Erinnerung geblieben.

Später schreibt er mir noch eine E-Mail:

„Du darfst den Kongōzue auf keinen Fall verlieren. Schließlich gibt es keinen Ersatz dafür.

Ich sage dir das, weil du ein Mönch bist.

Dōgyō Ninin – zwei gehen gemeinsam.

Möge Kōbō Daishi immer bei dir sein.“

Seine Worte treffen mich tief. Sie wirken wie ein Keisaku, der Weckstab in unserer Zen-Praxis. Nicht als Strafe, sondern als ein unmissverständlicher Ruf zur Achtsamkeit.

Gewiss, ich war erschöpft, hatte Schmerzen und war aufgeregt wegen der Abreise und des Fotos. Aber das ist keine Entschuldigung. Ich habe meinen Begleiter einfach stehen lassen.

Eine Geschichte über Reue

In Tempel 16, Kannonji, begegne ich einer Geschichte aus der Meiji-Zeit, die mich beschäftigt. Eine Pilgerin hatte dort vor dem Regen Schutz gesucht und versuchte, ihre nasse Kleidung am Feuer zu trocknen. Dabei fing ihre Kleidung Feuer. Sie verstand dieses Unglück als Folge ihres früheren Verhaltens gegenüber ihrer Schwiegermutter, die sie misshandelt hatte. Aus Reue für ihr Verhalten, fügte sie sich selbst Verbrennungen zu und stiftete später ein Bild, das noch heute in der Haupthalle zu sehen ist.

Im Tempel gibt es wohl noch dieses Bild im Original. Ich möchte es unbedingt sehen, und als ein Mitarbeiter mein Interesse bemerkt, führt er mich in die Haupthalle, damit ich es in Ruhe betrachten kann.

Die Geschichte lässt mich nachdenklich zurück. Wie gehen wir mit unseren Fehlern um, gerade dann, wenn wir es doch eigentlich besser wissen müssten? Wie viel Reue ist hilfreich, und wann beginnen wir, uns selbst dafür zu verurteilen?

Auch die Worte des Gastgebers aus dem Sudachian gehen mir noch nach. Ich möchte aufmerksam sein, gerade in den kleinen, alltäglichen Dingen, und merke zugleich, wie leicht ich diese Aufmerksamkeit verliere, wenn ich müde bin, Schmerzen habe oder meine Gedanken schon beim nächsten Schritt sind.

Das leise Klingen der Windspiele

Am zweiten Bekkaku-Tempel erlebe ich einen ganz anderen Moment. Unter einem hölzernen Dach hängen zahlreiche gläserne Windspiele, japanische Fūrin, mit bunten Papierstreifen, die sich im Wind bewegen.

Ich bleibe stehen und höre ihnen zu.


Sie erzeugen einen feinen, hellen Klang, manchmal nur ein einzelnes leises Klingen, dann wieder mehrere Töne, die sich überlagern und langsam verklingen. Es ist ein kleiner, klarer Klang, der mich auf eine ganz eigene Weise zur Ruhe kommen lässt.

Ich stehe eine ganze Weile dort, schaue auf die sich bewegenden Glasglocken und höre zu. Nach den vielen Kilometern, den Begegnungen, den Sorgen um mein Knie und den Gedanken über meinen vergessenen Pilgerstab ist das ein stiller, wohltuender Moment.

Alles ist schon da

Inzwischen habe ich beschlossen, meinem Knie einige Tage Ruhe zu gönnen. Ich werde nicht jeden Kilometer zu Fuß zurücklegen können und wahrscheinlich auch künftig Busse oder andere Verkehrsmittel nutzen müssen. Das ist anders, als ich es mir vorgestellt habe, aber ich möchte diese Reise fortsetzen, ohne meinen Körper ständig gegen meine Pläne antreten zu lassen.

Wenn ich auf die erste Woche zurückblicke, sind es nicht nur die Tempel und die Wege, an die ich denke. Es sind auch die Frauen, die meinen Pilgerhut repariert haben, die Menschen im Sudachian, Douglas und Harley, der lange Weg durch den Wald, die E-Mail des Gastgebers und das leise Klingen der Windspiele.

Ich habe in diesen Tagen viel Hilfe erfahren, manches gelernt und auch einen Fehler gemacht, der mich noch immer beschäftigt. All das gehört zu meiner Pilgerreise, nicht nur die schönen Augenblicke und die erreichten Tempel.

Alles ist schon da und vollständig, so wie es ist.

Ob wir gehen oder fahren, rezitieren oder schweigen. Wir sind alle auf dem Weg.

Das weiß ich natürlich schon lange.

Es auch zu leben, ist eine andere Sache.

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