Shikoku Henro 88 2026

You Never Walk Alone – meine Pilgerreise auf Shikoku und dem Henro 88

Im Oktober 2026 breche ich zu Fuß auf zu den 88 Tempeln und einigen der 20 Bekkaku-Tempel auf der viertgrößten japanischen Insel Shikoku.

Genau genommen werde ich natürlich nicht zu Fuß aufbrechen, sondern nach Seoul, Korea, fliegen und von dort aus weiter nach Kobe, Japan. Mich trennt dann noch eine etwa zweistündige Busfahrt nach Naruto im Norden der Stadt Tokushima, wo der erste der 88 Tempel auf mich wartet.

Und dann werde ich erstmals in meinem Leben pilgern. Gewandert bin ich schon, auch über mehrere Wochen – aber dies hier ist neu. Und ich bin aufgeregt wie vor einem Sesshin – oder vor meinem ersten Sesshin.

Seit Monaten bereite ich diese Reise vor. Wälze Reisebücher, schaue mir Karten an, versuche zu verstehen, wie ich in 60–70 Tagen diesen Weg bewältigen kann. Dazwischen meldet sich immer mal wieder mein Knie, das mir einen Sturz auf dem Weg zur Fähre von Unzen nach Kumamoto im März dieses Jahres noch nicht ganz verziehen hat. Aber ich bin wild entschlossen.

Ich bin Zen-Nonne und dieser Shikoku-Pilgerweg ist keine übliche Praxis für Zen-Praktizierende. Von den 88 Tempeln, die ich besuchen möchte, sind gerade mal drei Zen-Tempel (zwei Rinzai, einer Sōtō). Die meisten gehören zum Shingon-Buddhismus, auch esoterischer Buddhismus genannt, und sind wie der gesamte Pilgerweg eng mit dem in Japan hochverehrten buddhistischen Mönch und Gründer der Shingon-shū, Kūkai (774–835), verbunden.

Legenden zufolge soll Kūkai selbst den Weg begründet haben. Wahrscheinlicher ist aber, dass sich der heutige Pilgerweg über Jahrhunderte entwickelt hat. Erste schriftliche Hinweise auf Pilger auf Shikoku stammen etwa aus dem 12. Jahrhundert; seine heutige Form mit 88 Tempeln entstand vermutlich erst im späten 16. und 17. Jahrhundert.

Um ehrlich zu sein, ich habe mich vor meinem Entschluss, nach Shikoku zu gehen, fast gar nicht mit Kūkai beschäftigt. Er ist mir bei der Vorbereitung unserer bisherigen zwei Japanreisen schon begegnet – und seine Statuen stehen auch immer wieder vor buddhistischen Tempeln in Japan –, aber ich hatte bisher noch keinen Wunsch verspürt, mehr über den Shingon-Buddhismus zu erfahren.

Vor allem die erste Reise nach Japan war geprägt und geführt von einem großen Wissensdurst und dem Kennenlernen-Wollen unserer Zen-buddhistischen Tradition, mit Besuchen unserer Ahnentempel Hōkō-ji in Hamamatsu, Eihei-ji und Myōshin-ji – und den wiederkehrenden Aufenthalten in unserem lieb gewonnenen Familientempel Gyatēji mit angegliedertem Guesthouse, geführt von unserem Dharmabruder, dem Mönch Yōdō Kōdō auf Kyūshū.

Warum also jetzt Shikoku und der Shingon-Buddhismus?
Zum ersten Mal gehört habe ich von dem Pilgerweg durch meinen Zenmeister Christoph Rei Ho Hatlapa. Er hatte mir mal vor vielen Jahren erzählt, dass es diese Insel gibt mit den vielen Tempeln, um die er gern mal wandern würde. Das hat schon mein Interesse geweckt – ich kenne ein paar Leute, die den Camino in Nordspanien gegangen sind – und dass es so etwas auch in der buddhistischen Tradition gibt, fand ich wunderbar. Aber 1.200 km? In Japan?

Es war für mich lange unvorstellbar, dass ich jemals zu so etwas in der Lage sein könnte. Ich habe viele Jahrzehnte meines Lebens mit mehr oder weniger sinnstiftender Arbeit verbracht – da waren einmal vier Wochen Urlaub für die erste Japanreise das oberste vorstellbare Limit an Urlaub.
Nun ist aber bei mir eine Zeit gekommen, in der ich eine große Lebensentscheidung getroffen habe. Im Frühling 2026 habe ich meine Arbeitgeberin gebeten, mich aus der Rolle als Vorständin zu entlassen. Nicht, weil ich meine Arbeit nicht liebte oder einen neuen Job gehabt hätte. Mir war einfach klar geworden, dass es so, in diesem Tempo, nicht mehr weitergeht. Und ich habe in mir eine starke Entschlossenheit gespürt, mich noch tiefer meiner spirituellen Entwicklung zu widmen.
Denn mein Leben ist endlich.

Kaum war diese Entscheidung ausgesprochen und mein Ausstieg in die Wege geleitet, kam die Vision zu mir: Ich werde den Shikoku-Pilgerweg gehen. Warum? Ich weiß es nicht.
Noch in derselben Woche habe ich meine Flüge gebucht, sodass ich drei Monate Zeit zum Pilgern habe. Abreise im Oktober 2026. Rückkehr im Januar 2027.
Erst später wurde mir klar, dass ich somit in den Winter hineinlaufen werde, dass es möglicherweise eiskalt wird, dass über Neujahr die wichtigsten Feiertage sind und die meisten Unterkünfte geschlossen sein werden. Trotz einiger Versuche habe ich meine Japanischkenntnisse bisher kaum verbessern können und auf dem Land sprechen die wenigsten Menschen Englisch.

Größer als die Zweifel wurden aber Vorfreude und Neugier. Auf die Erfahrung, wochenlang unterwegs zu sein, von Tempel zu Tempel, dort meinen Dienst als Pilgerin (Henro) zu absolvieren: Hände und Mund säubern, Kerzen und Räucherstäbchen darbringen, unter anderem das Herz-Sutra rezitieren – in jedem Tempel zweimal, in der Haupthalle und in der Kūkai gewidmeten Daishi-Halle.
Auf die Kultur der Insel, seit Jahrhunderten geprägt durch die Pilgerschaft, in dunklen und hellen Zeiten. Auf die kleinen Minshukus (Gasthäuser), seit Generationen im Familienbetrieb, die Bergtempel, die Community, die im Hintergrund dafür sorgt, dass die Pilger gut versorgt sind, Hütten als Unterstand baut.

Und es gibt die alte Tradition des Osettai お接待: Menschen schenken Pilgernden unterwegs etwas – einen Tee, eine Mahlzeit oder eine kleine Unterstützung – ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Es ist eine Kultur des Gebens und Empfangens, die seit Jahrhunderten zum Pilgerweg gehört.

Vor allem bin ich gespannt, wie es mir ergehen wird. Ob ich genug Kraft habe? Wie werde ich mit Widrigkeiten umgehen, werde ich verzweifelt sein, euphorisch oder gar nichts von dem? Werde ich einfach nur gehen und nichts mehr denken können? Werde ich gut genug zu mir sein und mir Bus und Bahn gönnen – für japanische Pilger übrigens ganz normal –, wenn es nötig ist, ohne dass mich mein Ehrgeiz killt?

Für mich ist diese anstehende Reise ein Tor in mein neues Leben, das ich genauso wenig kenne wie Shingon, Shikoku oder mich als Henro.

Ganz allein werde ich auf jeden Fall bei diesem Abenteuer nicht sein. Der hölzerne Pilgerstab, den ich bei Tempel 1 erstehen werde, wird mich auf meiner Reise begleiten. Er wird Kongō-zue genannt und steht für Kūkai, den Kōbō Daishi. Es heißt, er dient nicht nur als Gehhilfe, sondern verkörpert Kūkai selbst. Die Inschrift Dōgyō Ninin (同行二人) heißt übersetzt „Zwei reisen gemeinsam“. Dies drückt den Glauben aus, dass der Pilger niemals allein geht, sondern Kūkai ihn auf jedem Schritt des Weges begleitet und beschützt.

Auf meinem Weg werde ich hier im Blog immer mal wieder Geschichten und Eindrücke von meiner Pilgerreise teilen. Ich würde mich freuen, wenn Du auf diesem Wege daran teilhast.

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